Oft stimmen Stimme und Geschlechtsidentität nicht überein, wodurch andere Menschen die Person falsch wahrnehmen. Zum Beispiel am Telefon: Eine trans Frau mit einer tieferen Stimme wird eher als Mann gelesen, was zu Unbehagen führen kann. Umgekehrt kann ein trans Mann mit weiblicherer Stimme als Frau gelesen werden.
Ziel der Stimmtherapie ist es, die Stimme so anzugleichen, dass sie besser zur Geschlechtsidentität passt. Damit sich die Person in verschiedenen Situationen authentisch und natürlich ausdrücken kann, werden Stimme und Identität stärker miteinander verbunden. Dies betrifft die verbale und nonverbale Kommunikation. Trainiert werden vor allem die Stimmhöhe, der Stimmklang und die Sprechmelodie.– etwa im Gespräch, Diskussion oder Vortrag, am Telefon oder auch beim Singen. Aber wie funktioniert das?
Die drei Phasen der Stimmtherapie:
1. Kennenlernen der Stimme
In Einzelübungen trainiert die Person, wie sie Elemente der Stimme einstellen und verändern kann: wie hoch, klangvoll, hell oder dunkel, laut oder leise und melodiös die Stimme klingt. Ebenso werden die Reflexe (Husten, Räuspern, Lachen, Weinen, Niesen) in der gewünschten Stimmlage geübt.
2. Ausdauer und Kontrolle im Alltag
In dieser Phase geht es darum, die neue Stimme auch bei längeren Gesprächen stabil zu halten. Das erfordert eine gut trainierte Kehlkopfmuskulatur und auch Selbstkontrolle. Im Gespräch kann es herausfordernd sein, die muskuläre Spannung zu halten, auf den Klang der Stimme zu achten und gleichzeitig über den Inhalt beim Sprechen nachzudenken. Hierzu ein Beispiel: Eine trans Frau verliert im Gespräch den Fokus auf die Stimme, weil sie sich stark auf den Inhalt konzentriert: In der Folge senkt sich die Stimme ab.
3. Feinanpassungen und automatische Stimmführung
Nach regelmässigem Üben wird evaluiert, was noch besser angepasst werden kann, z. B. lauteres Sprechen oder eine abwechslungsreichere Sprechmelodie. Ziel ist eine automatisch stimmige Ausdrucksweise.
Für wen ist die Stimmtherapie geeignet?
Mit Stimmtherapie lässt sich die Stimme in verschiedenen Altersstufen an das Wunschgeschlecht angleichen. Meistens handelt es sich um trans Frauen, trans Männer und non - binäre Personen. Eine erfolgreiche Therapie benötigt Bereitschaft der trans Person, mit der Stimme Klangeinstellungen auszuprobieren, Bewegungsmuster einzuüben (ähnlich wie beim Lernen eines Instrumentes) und für den Transfer in den Alltag möglichst regelmässig zu üben.
Rolle der Logopädin:
Die Logopädin arbeitet in allen Phasen eng mit der trans Person zusammen: Sie unterstützt mit fachlicher Kompetenz und gibt Feedback mit individueller Gesprächsführung. Sie schafft eine vertrauensvolle, ermutigende Atmosphäre, damit neue Erfahrungen mit der Stimme möglich werden.
In der Regel dauert eine Stimmtherapie mehrere Monate lang. Das Training wird im Einzel- und Gruppensetting angeboten.
Autorin: Britta Balandat, Logopädin MSc
Bild: Messung der Tonhöhe mittels einer App
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